Luftnummer

Die Schweizer Kunstolympiade Art en plein air in Môtiers/NE besteht aus einem reizvollen Spaziergang durch das jurassische Dorf hinein in den angrenzenden märchenhaften Wald, entlang einem tosenden Wasserfall hinauf zu einer zauberhaften Lichtung und anschliessend wieder herunter zum Dorfplatz. Auf dem Rundgang sind um die sechzig Kunstwerke zu bestaunen, welche mehr oder weniger mit ihrer unmittelbaren Umgebung korrespondieren. Wenn gleichzeitig noch zufällig eine Flugschau anlässlich des 50. Geburtstages des örtlichen Aeroclubs stattfindet, heisst das Kunststück Höllenmaschinen machen Höllenlärm.

Reines Flugbenzin

Kurz nach dem Einlass donnerte zur Begrüssung eine ausgewachsene F-18 im Tiefflug mit solch einer Geschwindigkeit über die Hauptstrasse, dass der ohrenbetäubende Schall erst dann schmerzlich wahrnehmbar wurde, als das fliegende Ungetüm bereits wieder in den Himmel aufstieg. Der folgende recht furchteinflössende Sturzflug direkt auf den wehrlosen Dorfkern erinnerte eindrücklich an Luftüberlegenheit à la NATO.

Noch vor wenigen Jahren barg das Val de Travers ganz im Wilden Westen der Schweiz ein eher stilles Geheimnis für den Amateur d´Absinthe. Seit der Aufhebung des Absinthe-Verbotes tuckert die Vermarktungsmaschine langsam, aber stetig.

Garage sale

Das ursprünglich vorgesehene beschauliche Erwandern der Kunstmeiler wurde derweil von der durch die Lüfte düsenden Patrouille Suisse lautstark untermalt (Formation, Sturz, Salti mit Trallala & Hoppsassa), während auf der Erde auf Schritt und Tritt die grüne Fee lockte.

Die Blase ist geplatzt.

Die Gefühlslage war auch ohne Apéro leicht getrübt. Wird das Bedrohungspotential von Flugschauen über bewohntem Gebiet nicht etwas unterschätzt?

Die wahrhaft bizarre Begehung von Kunst und Natur mit den weiteren Sidekicks Helikopter-Luftakrobatik, stotternden Weltkriegsveteranen, einer von Heckpropellern angetriebenen Entenflüglerformation und noch mehr Hubschraubern nebst knatternden einfachen und doppelten Deckern fand ihren Abschluss schliesslich an einem Schuhbaum, gestaltet vom Künstlerduo Haus am Gern.

Schuh-Samm-Lung

Dem Hobbyschweizer hatte es die Schuhe schon unterwegs ausgezogen und so besass er an dieser Stelle keine Munition mehr, sonst wäre unter den Umständen eine titanverstärkte Schweizer Hornisse gebodigt worden…

Arty-farty

Kunstmesse? I would prefer not to.

Eine Freikarte lockte mich aus meinem Bau ins Freie nach Basel – Art 42. Watn Auftrieb, wat für Menschen: geführte Kunstliebhaber, windschnittige Galeristen, Businesstypen, Aufmerksamkeit heischende Selbstdarsteller und ein paar wirkliche Unikate. Unüberhörbar international, babylonisch fast, doch immer pittoresk und ziemlich gediegen. Eine Ahnung von viel viel Geld liegt in der Luft.

The Art Newspaper titelt: «Sales forcast: fair». Fair enough. Untertitel: «Collectors appetite for more challenging work return — but most expensive items await buyers.» Aha, Kleinkunst kostet zwar weniger, aber die Verdauung der Sammler ist der gestiegenen Anspruchshaltung gewachsen. Boomfaktoren werden auf der Leistungsschau penibel notiert.

Selbst kaum Sammler und noch weniger Galerist liess ich die kleintierzüchtermässig aufgebaute Verkaufsschau links liegen und konzentrierte die Sinne auf die Begutachtung der Art Unlimited-Halle. Gegenwartskunst — gross und auffallend präsentiert. Im zweiten Stock ein Kinderhort, wo kunstaffine Eltern ihre spielsüchtigen Kids parkieren können. Letztere haben dort wirklich ihren Spass, nur eines weinte und schrie ausdauernd.

Zwei Stunden später dann mit Kind endlich runter und rein ins Marktgeschehen. Ein Schmunzeln — hm, da hat also jemand eine Erdkrume in seine Ausstellungsbox gepackt und das funktioniert?

 Petrit Halilaj – Art Statement

Es funktioniert weil brachial und ganz und gar ungekünstelt. Nichts ist realer als die Wirklichkeit. Auch wenn Gras darüber wächst…

Dann eine Offenbarung: ein Triple-Mobilee aus runden Audiospotlights und Spiegeln. Holosonic-Guru Josef Pompei entwickelte die Lautsprecher, welche einen gebündelten Ultraschall aussenden. Der Soundtrack erinnerte zunächst an AMM, rasch wurde jedoch hörbar, dass da mehr drin sein muss. Multitracks, Multilayers und Aufnahmen vom Jodrell-Bank-Radioteleskop wurden mit Eigenkompositionen des Künsters gemischt und ergaben einen sphärischen Raumklang der die Hirnrinde angenehm reizte. Tolle Sache, anregende Hörerfahrung!

Erwartungsgemäss, könnte man meinen, da der Konzeptkünstler früher viel mit Derek Jarman und Throbbing Gristle gewerkelt hat.

Cerith Wyn Evans – C=O=N=S=T=E=L=L=A=T=I=O=N
(I call your image to mind)

Das Kind ist jedenfalls prima dabei eingeschlafen und das Lustwandeln konnte in ungeordneten Bahnen weiter gehen.

Das Messe-Publikum selbst übte zunehmend die grössere Faszination auf mich aus: was da alles rumläuft und wie! Schick, schräg, schön. Sicher gab es noch die eine oder andere ansprechende Arbeit, an Erdkrume und Klang-Mobile kam aber nix mehr ran.

But this one is for Joken:
Irgendwie bin ich dann doch eher zufällig über die Box von Erik van Lieshout gestolpert, obwohl die fünf Meter hoch und direkt am Eingang/Ausgang platziert war. Der Name des Ex-Sparringpartners war mir wieder einmal entfallen — einfaches Resultat zu vieler Kopftreffer…

In der Box lief ein Film, den ich aber bloss bis zur eindeutigen Identifizierung meines früheren Kontrahenten anschaute, schliesslich konnte das Kind ja plötzlich aufwachen oder in einem unbewachten Augenblicke gar entfleuchen. Von aussen war die Box eh schöner.

Zum Abschluss des Tagesausflugs in die illustre Kunstwelt gab es noch ein Stelldichein mit der Miss Art:

Vielleicht hat der unbekannte Sprayer nicht ganz unrecht, als er kundtat:

«Kunst ist ein Code der Gebildeten,
um sich über die Unterschicht amüsieren».

Amen.

Gulagchampagner

Die Infragestellung staatlicher Kunst- und Kulturförderung in der Schweiz findet ihren reisserischen Ausdruck auf der Titelseite der Weltwoche, dem national-konservativen Sprachrohr der geistigen Landesverteidiger. Dort wird behauptet, Kunst komme von Kassieren und man führt Nachforschungen über Kultur-Subventionen durch.

Dass es im Kulturbetrieb Seilschaften gibt, dass es im Gedränge um die besten Plätze am Futtertrog zu Günstlingswirtschaft und Neid kommt ist offensichtlich. Staatliche Kunstförderung und deren Verteilung ist ein wohl bekanntes und immer wiederkehrendes Streitthema: wie viel Kunst soll und kann sich eine Gesellschaft leisten — was kann und soll Kunst leisten? Kann sich in einer modernen Zivilisation Kunst und Kultur den kapitalistischen Marktmechanismen ohne allzu grosse Reibungsverluste aussetzen?

Doch der populistisch getünchte neoliberale Kulturrevisionismus, einhergehend mit der Ab- und Umlenkung einer gerade noch lauwarmen Abzocker-Debatte, ist blosse Propaganda. Aber völlig klar, die plumpe Rechnung muss ja irgendwie halbwegs aufgehen: Künstler sind eher progressiv und weltgewandt, subventionierte Bauern meist konservativ und lokalpatriotisch. Und ein gut abgehangener Anker ist halt währschaft und kein Nestbeschmutzer.

Nabelschau

Der angesagte Schweizer Autor Martin Suter webt den Zeitgeist in seine Verse und veröffentlicht unentwegt allerhand. Viele seiner Stories sind geradezu filmreif angelegt und lesen sich flüssig weg. Sanfter Tiefgang ohne viel Grund aufzuwirbeln — ein schlauer Ex-Werber schreibt feine Prosa entlang der sollbrechenden Nahtstelle von Schein und Sein.

Vor kurzem adaptierte der Meister des urbanen Mainstreams die Geschichte eines seiner Kolumnenhelden gar zu einem Musical in schweizerdeutscher Mundart. Zusammen mit einem musikalischen Möchtegern-Eisbären bringt «Geri» die etwas absurde Geschichte eines Stadtzürcher Szenis auf die Bühne, der in seinen krampfhaften Bemühungen in sein zu wollen ziemlich out rüberkommt. Für die lässige Yuppie-Clique um Geri werden dessen permanente Fauxpas unerträglich, für ihn selbst — gruppendynamisch isoliert — die Startrampe ins private Glück.

Die artverwandten doch grundverschiedenen Szenis werden erkennbar herausgearbeitet und aufgrund des déjà-vu-Effekts geschwind der Lächerlichkeit preisgegeben, bevor beim Publikum eine humorlose Selbsterkenntnis einzusetzen vermag. Szenentypische Mechanismen und die daraus resultierenden Gruppenzwänge werden in ihrer ordinären Oberflächlichkeit witzig blossgestellt. Was allzu leicht ganz banal absaufen könnte, hält sich auch dank manch schenkelklopfender Lacher („integrierter Dütscher“, „Neo-Retro“) über Wasser. Endorphintrunken trägt das Publikum selbst das Stück über alle Untiefen.

In dem amüsant choreografierten Singspiel beeindruckt die junge Carol Schuler besonders, und das nicht nur aufgrund ihrer krawalligen Röhre. Musikalisch geht Eichers Material gut ins Ohr und wird kompetent von der prima funktionierenden Liveband auf der Bühne intoniert, doch fehlen einfach die Überraschungsmomente. So wie in der pittoresken Handlung selbst, die ohne Haken und Ösen aalglatt mit einem grellen Happy End ausklingt.

Die leichte Kost wird appetitlich angerichtet, stilvoll elegant dargereicht und drückt auch nach dem Genuss kein bisschen aufs Gemüt – schöngeistiges Appeasement-Theater à la Zurichoise.

Hey-ø-live

Exil Zürich: Hey-ø-Hansen performen teilweise halbnackt aber hochkonzentriert an den Reglern. Im Club direkt vor der Bühne wiegen sich dunkelhäutige Grazien (if only slightly overdone perhaps), daneben süsslich-herbe Verstösse gegen das Rauchverbot und der lokale harte Kern der Version-Fans.

Auf der kleinen Bühne zwei angenehm bescheiden auftretende Tiroler Dubstepper, die spielerisch mit Maschinen improvisieren. Als der Eine einen besonders gelungenen Klangeffekt taktgenau auf die Elektrodrum des Anderen legt, entfährt dem Anderen ein kerniges „Supa!“ und auf seinem Antlitz erscheint selbstvergessen ein verliebtes Leuchten, wenn er lobend zum Einen hinüber blickt.

Nur die Anstosszeit um 00.30h war etwas familienunfreundlich.

Chinesischer Durchfall

Ein Setzer vom Tagblatt Zürich zeigte unlängst (s)eine lustige Seite:

Die SVP hat dann doch zuletzt gelacht – das geplante Nagelhaus wurde in einem Plebiszit von den Zürchern abgelehnt.

In einem von der SVP kampagnenhaft geführten Kulturkampf überzeugte das goldige Plakat — wieder einmal hat die SVP-Agentur anscheinend die richtige Bildsprache gefunden. Nix wird verlocht und goldene Nasen verdient keiner. Vielleicht liegt es an der lehrerhaften Kunstvermittlung, zumal der geplante Hafenkran am Limmatquai schon für Irritationen sorgt. Dass eine lokale Bausünde — ein in den 1970er Jahren gebauter Autobahnzubringer zerschneidet die Stadt — prominent ans Kreuz geschlagen wird, setzt eine selbstkritische Distanz voraus. Diese scheint bei dem über moderne Kunst abstimmenden Volk dann doch etwas zu gross zu sein. Wahrscheinlich ist der gedankliche Weg von China zum Zürcher Escher-Wyss-Platz auch einfach zu weit. Näherliegende Minarette haben sich die Schweizer aber schon verboten.

Eine lässige Weltläufigkeit demonstrieren solche Entscheide nicht gerade. Die kulturelle Bunkermentalität in der Kinderstube des Dadaismus vertrüge wohl eher ein kolossales Schwingerhosendenkmal im Ausflugshafen der selbsternannten Little Big City.