Füdliblutt

Popogate, ESC Flitzer, ESC 2017,

Der einsame Höhepunkt der diesjährigen ESC-Ausgabe bestand darin, dass ein berühmt-berüchtigter ukrainischer Flitzer unter falscher Flagge vor der Vorjahressiegerin blank zog. Dies bietet natürlich Raum für allerlei wilde Spekulation und mutige Interpretation, die nackte Wahrheit an sich war live vor dem Millionenpublikum metaphorisch jedenfalls ungemein eindrücklich und entsprach der Veranstaltung letztlich vollauf.

Ein Herz aus Paprika

Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.

Herz aus Paprika, Zweifel Chips, Paprika Chips

Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi „Sieben tödliche Unfälle im Haushalt“ eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..

Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.

Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich akzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.

All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?

«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»

Prophetisch poetisch.

Elendskitsch

«How I can help raising consciousness through art?!»

Der inzwischen internationale Kunstprovinzialismus hat nun auch den Jakob Downtown Switzerland erreicht. Die lauthals verkündete Schweizer Premiere von The Space In Between von und mit Marina Abramović versucht mit einer funkelnden Mischung aus grauenhaftem Menschenmitleid und einer schon leicht abgestandenen Schamanen-Atmosphäre die Anerkennung der spirituell dürstenden Kunstszene zu erlangen. Abramovićs edler Elendskitsch spielt mit dem nichtwissenden, halbgebildeten und desorientierten westlichen Kunstinteressierten. Das vorgebliche Anliegen wird missbraucht, um Kunst (und Geld) zu machen und die Kunst wird missbraucht, um den Missbrauch zu beschönigen.

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Schöner Schein

Kritiker und Betrachter fallen gerne auf diese Scharlatanin herein. In ihrer Arbeit Konzentration und Intensität zu sehen, ist wie in Toastscheiben oder Weizenfeldern das Gesicht Marias zu entdecken. Es ist diese Naivität der Betrachter, die Abramović benutzt, um ihre Produkt-Ideen, die aussehen wie Kunst, zu verkaufen. Sie strahlt dabei eine professionelle Sicherheit aus, denn sie weiss, in der internationalen Kunstszene wird schon lange nicht mehr, wie auch in der seit 500 Jahren Offenen Kirche, intensiv und kritisch hinterfragt.

Dabei steht in jedem Kaufhaus in New York, London oder Berlin heute sowieso ein Buddha im Schaufenster…

время

Während der beiden grossen Weltkriege wurde in Europa testweise die Sommerzeit eingeführt, da man sich diffus Einsparungen erhoffte. Beide Male blieb es bei kurzfristigen Versuchen, erst im Verlauf der Ölkrisen von 1973 und 1979 wurde wieder verstärkt über den vermuteten Effekt von Energieeinsparung durch die Sommerzeit fantasiert. Zum Leid von Eltern, Bauern und Verkehrsbetrieben wurde dieser alljährlichen Qual schliesslich leider europaweit stattgegeben. Feierabendhedonisten und Gastroindustrie dieweil frönen freudig dem lukrativen Mehrlicht.

Ach, liefe die Zeit doch beständig wie bei den Reussen, immer im Winterbetrieb Normalturnus und ohne irritierende Turbulenzen von viel zu früh oder viel zu dunkel.

Tunnelblick

Die Schweizer Botschaft in Berlin feiert ihre neue Gotthardröhre gut sichtbar auf dem Dach ihres Gebäudes:

Tunnel, Botschaft Berlin

Zumindest teilweise auf Schweizer Staatsgebiet liegend gibt es ja noch DEN Tunnel, in welchem es kaum Geschwindigkeitsbegrenzung, aber möglicherweise Schwarze Löcher zu bestaunen gilt, sofern keine kleinen Pelztiere den Stromfluss unterbrechen.

Sound and Vision

Elisaburg, Elisabethenstrasse, Elisaburg Zürich

Aus der berüchtigten Zürcher Eckkneipe Elisaburg wurde nach dem Blues zunächst eine im Resto-Underground geschwängerte Speiselotterie mit Swissness-Finish (Bündner Yak) und im Juli isses — Überraschung — temporäres Livestudio des engagierten Webradios gegendenstrom. Musik ist immer und meist zuviel, aber dieses Sommerspezial ist schon speziell und per Livecam kann man die hippen Zürcher Ausgänger amtlich in Echtzeit abhängen sehen. Programm hier, Live-Stream dort.

Elisaburg, On air, GDS, Webradio Zürich

Sammelwut

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Panini nervt bekanntlich und die zweite Auflage eines zopfigen Schwingeralbums muss heuer trotz eidgenössischem Ritual auch nicht sein, aber da gibt es ja das engagierte Tschuttiheftli.
Ein eventueller Gewinn vom Bildchen-Verkauf wird Terre des Hommes gespendet und neben den teilweise hübsch verfremdeten Spielersujets sind zusätzlich lustige Einweg-Tattoos eingetütet! Da läuft die Hopfenblüte für die Tschechen, ein Einhorn für Island und Manneken Pis für Belgien auf.
Allein in Berlin/D fehlt bislang anscheinend noch eine Sammel-Dependance…

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Nach Geschmack

Die Salzburger Stier Preisträgerin 2016 Uta Köbernick singt und spielt im Bundeshaus zu Wiedikon am 6. März um 20.30 Uhr.

Als kleines Geschmacksmuster hier ihr «Lied zum Tag» aus PET:

Lost in Transla­ti­on

Si certo, die tatsächlich erste Abstimmung seit langem, welche nicht zu Lasten von Ausländern ausfällt, bringt etwas Erleichterung. Claro que si waren diesmal nur 4 von 10 und nicht gleich jeder zweite potentielle Rausschmeisser. Bien sûr, man bleibt für viele weiterhin ein Fremdkörper in dieser akut gespalteten Gesellschaft. Aber voll töfte, weil ich jene dann doch überraschend deutliche Wende meiner Gastgeber nicht erwartet hatte, selbst dem vorsichtig aufkeimenden Trend einfach nicht traute. Nach Jahren der Ausländerei und noch längerem Hobbyschweizertum ist mir die helvetische Seele eigenartig fremd geblieben. Ich bekomme diesen Volksgeist einfach nicht zu fassen: eben noch läuft er geradezu hypnotisiert na­ti­o­nal­kon­ser­va­tiven Rattenfängern direkt in die Arme, überdrüssig von Dichtestress und Verstädterung schiebt er inmitten Europas einen Riegel vor die Türe, nur um dann das einmal aufgenommene Tempo fast schlagartig zu drosseln, ohne jedoch übermässig fies tönende Bremsgeräusche zu erzeugen.

«Wir (Schweizer) haben das Privileg uns gegenseitig verstehen zu müssen. Wir sind als kulturelle Grenzgänger ein Volk von Übersetzerinnen und Übersetzer.»

Bundesrat Alain Berset, 12.03.2014

Deutlich wurde: «Es langet, es reicht, ça suffit, no pasarán!». Schluss mit der Angstmache, der nationalistischen Schwarzmalerei und rezeptlosen Abschottung, keine Zwängerei. Seit dem EWR-Entscheid von 1992 gebärt die Stimmungsmaschinerie der SVP die immer gleichen Hirngespinste: das Ausland luge gierig auf das selbst­ge­nüg­same Eidgenössische Eiland, Offshore ist lukrativ, Verträge sind Zugeständnisse und Swissness sells weil sexy.

FIFA-Wahl, FIFA 2016, FIFA Chairman, Infantino 2016, Infantino, FIFA-President
Leserbrief zur sexy FIFA-Wahl

Man könnte sagen, sicher, mit einem Viertel oft versippten aber stimmlosen Bevölkerungsanteil stehe quasi ein qualitativer Umschlag dräuend bevor; man könnte sagen, ja, gerade die ruhig gestillten Arbeitsmigranten buckeln doch angenehm laut- und reibungslos und mehren dabei den Reichtum der Stimmgewaltigen, weil Arbeit im Erste-Welt-Primus Schweiz pekunär unschlagbar ist. Man könnte sagen das Schweizer Mantra Identität sei lediglich ein traumatisches Mobile, überdies kaum zu dechiffrieren und jedenfalls kein Gradmesser für wen auch immer.

Aber gewärmt hat das hoffnungsfrohe Resultat wie die zeitige Sonne im Frühjahr…