Rohe Polnische und andere Schweinereien am Marktplatz Heilbronn
Kategorie: Andere Spinner
Choral fantastique
F. W. Murnaus «Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen» ist ein melodramatischer Stummfilm und der allererste, den der begabte Regisseur in den USA drehte. Den seinerzeit vorherrschenden expressiven Ausdruck verstärkt Murnau meisterhaft durch raffinierte Schnittfolgen und Doppelbelichtungen. Die Geschichte eines Paares, dessen Ehe durch äussere Einflüsse und innere Spannungen auf tragische Art strapaziert wird, sich glücklich wiedervereinigt, nur um durch ein schicksalhaftes Unglück beinahe für immer auseinandergerissen zu werden, wurde durch das wirklich grossartige Orgelspiel des Überfliegers* Baptiste-Florian Marle-Ouvrard aus Paris anlässlich der Zürcher Orgeltage prächtig in Szene gesetzt.
Gut, Murnaus Bildsprache ist dramatisch genug, um die Erzählung und Spannung des Zuschauers geschickt zu forcieren, doch die quasi musikalische Untertitelung macht die Sache richtiggehend körperlich spür- und erfahrbar wenn das Forte von tiefen tremoloartigen Basspfeifen unterstützt wird. In verblüffender Ähnlichkeit mit Prof. Seifen aus Berlin scheinen die improvisierten Töne direkt aus dem jungen Organisten in die vielmanualige Klaviatur zu fliessen und ganz sanft und elegant wird man mitgenommen in eine Zeit, in der die Kinoorgel noch unverzichtbar war. Live war halt schon immer besser.
*Monsieur Marle-Ouvrard ist Hobbypilot
A Means to an End
When the shame was on the other side I still remember Jimi
Once a friend, he became a closed one, then an enemy, and – of course – finally a very stranger.
Mausefalle (S), Camelohnerauch im Bassreflex der Revox-Box zu Blue Monday et vica versa. Bowie-Poster. Speed Fire. Alain Vega. TG Cassette-Box. Tuxedo Moon. Five-Knuckle-Shuffle. Nice & Mean. Joy Division & New Order. Unknown Pleasures & Closer. Some Bizarre. Sue Yates. Sogar Shostakovich. Even Einbauten. IBK sowieso. Und Dub Culture en masse. Kokain. Heroin. All between. Punk. Dead. Future.
One day will be improved
Eternal rights we left behind
We were the better kind
I always looked to you
Our friendship never died
On stranger waves, the lows and highs
Our vision touched the sky
I put my trust in you
I put my trust in you
I put my trust in you
Where ageing lovers call
Is this your goal, your final needs?
Where dogs and vultures eat
I put my trust in you
I put my trust in you
I put my trust in you
In you, in you, in you
Put my trust in you
In you.
Zombies
In der düsteren Jahreszeit trifft man sie – Zombies, Vampyre, Chimären. Meist als unscheinbare Gartenzwerge getarnt stehen sie parat, die gemeine Seele zu schinden. Wenn die Arglosigkeit just völlig schuldlos vor sich hin simmert, ist die Chance gekommen, um dank übler Reime mit schlechtem Versmass gar fürchterlich zu schrecken.
Kidditch
Die aus dem Harry Potter Universum in die Realwelt gefallene, aufgrund von Schwerkraft und mangels fliegender Hexenbesen leicht albern aussehende Sportart Quidditch wird allen Ernstes nicht nur von Kindern betrieben. Die merkwürdige Mischung aus Völkerball, Rugby und Handball samt eingeklemmten Stock zwischen den Beinen sieht ulkig aus und hat dennoch Drive. Beim einzigen Vollkontaktsport mit gemischten Teams wird versucht, einen bunten Volleyball in die senkrecht zur Spielfläche auf Pfosten stehenden meterbreiten Ringe zu werfen. Der Gewinn des Schnatzes wird mit 30 Punkten gleich dreimal höher als ein normaler Ringtreffer gewertet und beendet das Spiel augenblicklich. Die Turicum Thinderbirds von Quidditch Zürich wurden kürzlich trotz Rücklage durch Schnatz nationaler Meister und dürfen im Europacup nun gegen den amtierenden Champ Berlin Bluecaps ran.
Shop till drop
Wunderlich
Dreizähn
Nesselhaft
Der Zwergensiedlungsasylant kommt mächtig ins Schwitzen.
Derweil die Temperaturen sich spätsommerlich in verblüffend hohe Bereiche verirren, tut der innerstädtische Geräuschpegel auf Strassen, Gassen und Höfen dergleichen – es ist LAUT. Durch die Nacht, bis zum Morgen. Der Pizzaservice gegenüber wärmt seinen Ofen nachtnächtlich bis um 5 Uhr, das Gewerbecenter vis-à-vis schliesst erst um 3 Uhr seine Pforten. Parkierende PKW, knatternde Töffs, Spätheimkehrer, Frühaufsteher, Angetrunkene, glucksende Pärchen, orientierungslose Nachtschwärmer, emsige Nachtarbeiter halten mich erfolgreich wach. Zusätzlich fungiert die Pizzeria gleichzeitig als eritreischer Männertreff und atmet permanent hektisch diskutierende Draussenraucher. Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte. Bis sich schliesslich die Blattern breit machen und zu einem sehr hartnäckigen Reizhusten dazu gesellen, na danke, geht doch. Prima. Erschrecken, Erstaunen, Unglaube, nicht-wahrhaben-wollen kosten zunächst Zeit und Nerven bevor das Antihistaminikum endlich zu wirken beginnt. Allergisch sediert sieht die Welt dann schon ganz anders aus.
Die bei der Vorab-Besichtigung nicht wahrgenommene grandiose Remise neben dem für Zürcher Verhältnisse ziemlich verwahrlosten Hinterhaus. Erst die mit einmaldrei Meter überdimensionierte und beleuchtete Hausnummer weckt meine Aufmerksamkeit. 166. Der Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Im Treppenhaus beim Aufstieg sicherlich kein Scharfblick, eher Irritation — Whirlpool, Monitore mit eindeutigen Filmsequenzen. Körpersilhouetten hinter Sichtblenden, dauerrotierende flackerhafte Discobeleuchtung. Eine neugierige Abscheu. Das Internet weiss alles über das euphemistische (Sex-)Gewerbecenter Grandios. Räume, Mieter, Angebote. Such is real life.
Eines frühen morgens höre ich einige Frauen auf dem Hof ungarisch reden – würde soziologisch passen, denn der Schweizer Markt für Sexarbeiterinnen ist noch immer osteuropäisch dominiert. Womöglich ist der Status einer vorübergehenden Untermieterin aka Empfangsdame in einem Gewerbecenter im Vergleich zu normaler Strassenarbeit oder gar Verrichtungsboxen sogar noch erträglich. Dass Frischfleisch immer auf der Durchreise ist, um ja nicht zu langweilen sieht man am einsichtigem Gepäckzimmer, das die üblichen plastifizierten Rollkoffer en masse beherbergt. Auch mein selbstgewähltes Exil findet immerhin sein automatisches Ende. Und beim nächsten Mal besser alle Augen auf im nervigen Strassenverkehr.
Delikat Essen LXXXVI
Touchdown
Eine sehr aufwändig komponierte Dokumentation der neuntägigen Apollo 11 Mission zum Mond und zurück in Echtzeit ist dort abrufbar.

Fetisch Kosmos
«Der Weg zu den Sternen» von 1957 ist ein schöner russischer Science Fiction Film von Pawel W. Kluschanzew, welcher zwar etwas langatmig beginnt, sich anschliessend aber rasch durch die Schwerelosigkeit bis zum Mond arbeitet. Anschaulich wird die rasante Entwicklung der Raketentechnik in der UdSSR bis zum Sputnik beschrieben und umwerfend phantasievoll, jedoch immer wissenschaftlich bleibend der kosmische Faden sehenswert weitergesponnen. Heute ulkig wirkende Trickaufnahmen, tolle Outfits und schicke Story. Unbedingt anschauen!
The female is future
Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.
Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.
Heilungsbiotop
Nex Age Spinner Duhm & Lichtenfels fantasieren über freie Liebe.
Meet Shalva
ESC am Schabbes in Israel — da kräuseln bereits im Vorfeld die Empörungswellen und Frontrunner (West-) Jerusalem wurde auf der Zielgeraden durch das hedonistische Tel Aviv ersetzt. Die Kirmes in Sachen weitgehend talentfreier Zurschaustellung hat heuer noch ein weiteres Opfer gefunden. Aus religiösen Gründen trat die Hausband eines israelischen Behindertenwerks nicht im nationalen Finale an, obwohl es bereits dort beste Siegchancen besass. Die Botschaft ist orthodox, selbst Sabbat-taugliche Mikrophone wurden erörtert, aber die ganze Chose vom Rabbinat letztlich nicht gut geheissen. Die federführende Eurovision bestand auf dem Sonnabend als Tag des Grand Final, fertig. Der Sieg beim ESC wäre nach den ganzen barttragenden Queers und der wiederkäuenden Regenbogenkfolklore einer sichtlich eingeschränkten Combo mit seichtem aber massentauglichem Liedgut nur schwer zu nehmen gewesen, Mitleidsbonus eingerechnet. Jetzt bleiben die australische Diva mit windverwehten überlangen Kleiderfetzen im Dementorenlook auf beweglicher Fiberglasstange, die verwirrend verwegenen Isländer und natürlich der Gewinner aus Aserbaidschan, falls der hüftsteife Kühlschrank mit dem von Roboterlasern holografierten Kunstherz in den gerade noch erträglichen drei Minuten etwas ansehnlicher performt. Allemagne moins de douze points en totale, CH wird locker das dreifache einsacken. Malus < Bonus. France sans chance, bleibt mein ewiger Favorit Srbija. Und hoffentlich sahnt nicht eines dieser unsäglich schmachtenden Duos oder Trios ab, doch beim ESC hat noch immer die momentane Geschmacksverwirrung gewonnen. ESC ist egal.

https://www.jweekly.com/2019/03/13/why-this-israeli-band-of-disabled-musicians-said-no-to-eurovision/
Kitschkrieg
Für die christliche Bewegung sind Kreuzigung und Auferstehung die Hochzeit des Jahres, noch vor Weihnachten führt Ostern mit 3 zu 2 Feiertagen. Die Dialektik von Sühne und Hoffnung, die sich so vortrefflich ins Unterbewusstsein meisseln lässt und das tragische Drama, in welchem der Held wehrlos und verraten, aber aufrichtig dem Tod entgegen geht, fördern die Legende. Im Drehbuch klare Rollenverteilung: Kaiphas und Pontius P – Jude und Heide als miese Bösewichte, der Todesstrafe fordernde Mob bekommt den Schwarzen Peter. In wohl keiner neuzeitlichen Religion steht der Tod als Opfer so im Zentrum der Verehrung. Kultisch als Erlösung codiert ist er blosse metaphysischen Etappe. Dass einer für alle quasi reinigend stirbt, ist eine ziemlich komplexe und clever durchkombinierte Geschichte.
Kitsch as Kitsch can – fake Heiligenbild:
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.
Nun wurde seit jeher die tatsächliche Existenz des annoncierten Messiahs hinterfragt und die Zweifel am Dualismus von Tod und Auferstehung blieb systemisch den Säkularen und Andersgläubigen überlassen. Laut Talmud wird er nur «jener Mann» genannt, sei Sohn einer Hure und wurde als falscher Prophet und Verführer Israels angeklagt und gehängt. Im Koran wird ʿĪsā ibn Maryam als Prophet anerkannt, doch nicht dessen Tod am Kreuz. Wobei die islamische Fraktion der Ahmadiyya sogar behauptet, dass Jesus alias Yuz Asaf nach seiner Wanderung schliesslich in Kaschmir begraben und seine Wiederkunft spirituell in Gestalt ihres Religionsgründers erfolgt sei.
Eine neue Facette offeriert nun Historiker Johannes Fried, indem er wissenschaftlich herzuleiten versucht, dass der komatöse Jeschoa bei der Kreuzigung keineswegs gestorben, sondern mit Hilfe von Nicodemus, Myrrhe und Aloe (John 19) wieder genesen und anschliessend untergetaucht sei. Die bei Kreuzigungen oftmals zum Tode führende Erstickung sei dabei auf Golgatha aufgrund des Lanzenstichs eines römischen Soldaten unbeabsichtigt verhindert worden, da nun Wundflüssigkeit aus dem Thorax entweichen konnte und das Atemorgan wieder den notwendigen Platz erhielt. Die Auferstehung also erklärbar und höchstens ein medizinisches Wunder, Himmelfahrt dann schlicht die Flucht des Wanderpredigers. Frieds Indizienkette ist logisch schlüssig, lässt sich Neutestamentarisch halbwegs begründen, bleibt historisch jedoch unbelegt.
Legendenbildung als Geschäftsidee
Glaube und Wunschdenken gehen einträchtig durchs gelobte Land. Jerusalem-Syndrom nur Hilfsausdruck. Der Bibelkritik und Jesus-Forschung bleibt weiter genug Raum für abenteuerliche Spekulation und Interpretation und diese findet ihren Markt, da Thema und Deutung Nachfrage sowohl bedienen wie schaffen. Religiöse Spinner waren immer, und schon immer finden sie Zulauf. Apokalypse, baby.
Intermeditation
Was warum wie aussieht, wenn der Blick auf bzw. in ein Schwarzes Loch fällt, zeigt dieses kurzweilige Erklärvideo in erkenntnisreicher Weise. Richtig schräg wird die Sache dann gegen Ende, sobald die Anschaulichkeit quasi von hinten durch die Brust direkt ins Auge geht.
If you feel you are in a black hole, don’t give up.
There’s a way out.
After Extra Time
Einsamkeitsministerium
Der künftige Single-Staat United Kingdom hat clever vorgesorgt:
The U.K. has appointed a minister for loneliness to deal with what Prime Minister Theresa May called “the sad reality of modern life” for too many people.
in 2017 a British commission found that nearly nine million people in the country either often, or always, feel loneliness — a condition that can have harmful health repercussions.
“It’s proven to be worse for health than smoking 15 cigarettes a day,” Mark Robinson, head of Age UK, Britain’s largest nonprofit working with older people, told the Times.



















