Zwiespalte

Synergetische Frequenzen am Reformationstag in der Zürcher Citykirche Offener St. Jakob:

Tags zuvor noch warnte Saïda Keller-Messahli am selben Ort dringend vor einem zunehmend jihadistisch motivierten Fundamentalismus, welcher gemäss ihrer auf einschlägigen Online-Foren erhaltenen Einblicke momentan mit den nach Europa kommenden Kriegsflüchtlingen eingeschleppt würde. Da wirkt eine Prise Sufi-Mystizismus fast beruhigend.
Aber nur fast.
Weil man einfach nicht weiss wer da wirklich ankommt.
Weil des Arabischen mächtige Experten zunehmend mahnen.
Weil Fundamentalismus ohne Fundament Schwarze Löcher macht.
Weil einst erfahrene Demütigung nicht akzeptiert werden kann.
Weil die Stimmung novemberhaft kippt.

In vino veritas

Der römische Historiker Tacitus beschrieb, wie Germanen bei Ratssitzungen immer Wein tranken, weil sie glaubten, niemand könnte effektiv lügen, wenn er betrunken ist.

Trotz offensichtlich erdrückender Beweislast gelang es der langjährigen Präsenzdienstleistenden B. W. zum wiederholten Male eine Flasche Abendmahlwein aus den Kellereien des Offenen St. Jakob in Zürich zu transferieren. Mit der recht fadenscheinigen Begründung den karitativen Zwecken zugute kommenden Flascheninhalt bloss einem meditativen Maxen hinterher tragen zu wollen und aus Krankenschwestersicht alkoholfreier Traubensaft den Blutzuckergehalt sowieso weitaus adäquater symbolisiere, passierte B. W. in gewohnt aufrechter Haltung die Hochsicherheitsschleusse der Jakobsfeste.

Messwein, Abendmahlwein, St. Jakob, Abendmahl

Richtig Chuzpe bewies B. W. dann aber auf dem direkt nach diesem Zwischenfall stattfindenden Jakobinischen Forum, auf welchem sie glaubwürdigen Zeugenaussagen nach relativ nüchtern sinngemäss die Frage «Aber wo ist Jesus?» stellte. Ob sie damit einen imaginären Flaschengeist meinte, oder die Veranstaltung lediglich vom Kopf auf die Füsse stellte, bleibt weiter ungeklärt.

Maifeier

Der Musik-Gottesdienst im Offenen St. Jakob stand ganz im Zeichen von Freiheit, Widerstand und Anarchie. Derweil der musikalische Spannungsboten von „Die Gedanken sind frei“ über „Bella Ciao“ bis zur „Internationale“ führte, las der selbstbewusste Pfarrer der selbstoptimierten Leistungsgesellschaft leidenschaftlich die Leviten, da jene offensichtlich und vordergründig völlig entspannt die permanente Auto-Ausbeutung propagiere und durchsetze. Ein klares (äusseres) Feindbild gehe bei diesem subversiven Mechanismus völlig abhanden und bei Auflehnung kehre sich die Energie destruktiv nach innen und generiere die zeitgenössische Depression, den Burn-Out.

Als Gegenentwurf wurde ein herrschaftsloser Zustand der Anarchie skizziert, sowieso eingeschränkter Konsum und mehr Mut zur Freizeit. Selbst bei der Kollekte betonte der Vortragende, dass es vermutlich besser sei einfach einem Bedürftigen auf der Strasse das Geld in die Hand zu drücken, als damit den Opferstock zu füttern. Die kleine Gemeinde war durchwegs beeindruckt von dieser Maifeier und der Hobbyschweizer trällerte zum Feierabend noch fröhlich den Refrain von Solidaritätslied…

Bruder Jakob

Citykirche Zürich, Offener St. Jakob, Kirche Zürich

Der „Offene St. Jakob“ ist eine sogenannte Citykirche in Zürich. Anfang der 90er wurde die im Kreis Cheib gelegene Kirche aufgrund des rapiden Rückganges von Gemeindemitgliedern und Kirchgängern einem breiteren Publikum geöffnet und in der Folge durch bauliche Massnahmen besucherfreundlich umgestaltet. Starres Kirchengestühl wurde zugunsten einer variablen Bestuhlung ausgetauscht, ein betanzbares Eichenparkett verlegt und eine zeitgemässe Licht- und Audioanlage installiert. Heute steht das Haus täglich für jeden offen und kann zudem für diverse Veranstaltungen gemietet werden.

Kirche St. Jakob, St. Jakobkirche Zürich, Citykirche Zürich, St. Jakob

Traditionell werden in der Aussersihler Gemeinde Migranten fürsorgt, die salopp-juvenile Streetchurch lässt es regelmässig andächtig krachen und selbst Klangtherapie, Handauflegen und Yoga finden ihren Platz. Bis zur Anlegestelle wogte die Tango-Nacht im Kirchenschiff unlängst bis vier Uhr morgens…

Selbstverständlich wird aber auch dem kultischen Bedürfnis der reformistischen Gemeinde entsprochen: die sonntäglichen Zeremonien werden abwechselnd mit Musik, Tanz oder Gesprächsrunden aufgelockert. Bisweilen agiert der käufliche Hobbyschweizer als braver MC und keuscher Abwart. Sozialpolitisch steht die Kirchengemeinde auf der richtigen Seite und es nimmt kaum Wunder, wenn zum Abschluss der Sonntagspredigt zu der Demonstration Wem gehört Zürich? aufgerufen wird. Nicht zuletzt wird der Laden auch seinem Namenspatron gerecht und fungiert als Pilgerzentrum für die Muschelweggänger, gell Anton.

Jakobsweg, Wegweiser Jakobsweg